Einfach mal zuhören!

Heute war wieder einer dieser Tage, wo alle irgendetwas von mir wollten, ständig klingelte mein Handy und ein anderer Kollege rief an und klagte mir sein Leid. Irgendwann, so gegen 16 Uhr hatte ich echt die Schnauze voll. Ich klappte den Laptop zu, machte mein Diensthandy aus und plante mit meiner lieben Frau den Speiseplan für die nächste Woche.

Wir wollten heute schon einkaufen, da wir morgen, am Samstag einiges Vorhaben und es ausnahmsweise nicht auf denMarkt schaffen. Also ging es heute schon mal los.

Zugepowert wie wir beide heute waren ging es in unseren Einkaufslieblingsstadtteil, nach Hannover Linden, denn auf einem kleinen Platz war heute auch ein kleiner Wochenmarkt. Wir erzählten uns gegenseitig unseren Tag und dank Markt, unserem kleinen Marktcafe und dem gegenseitigen Zuhören kamen wir auch wieder runter.

Auf dem Weg sprach uns jemand an und fragte ob wir ein bisschen Kleingeld für ihn hätten und klar, kein Problem. Meine Frau fragte ihn, ob er nicht lieber was zu Essen haben wolle oder so. Und wir kamen ins Gespräch. Er erzählte uns viel, von seiner Lebensgeschichte. Soldat, psychisches Leiden, kalter Drogenentzug, heute clean, aber nicht arbeitsfähig. Vom Sozialstaat alleine gelassen mit Mitte 40 und einem Leben auf der Straße. Flaschensammeln und eine kleine Rente ernähren ihn, aber ein Dach über den Kopf können sie ihn nicht bescheren. Zu den Hilfspunkten für Obdachlose will er auch nicht gehen, nicht weil er zu stolz ist, sondern weil er Angst hat, Angst vor den Drogen, die meist in der Nähe verkauft werden, Angst davor wieder Rückfällig zu werden.

Eine Frau hatte ihm heute zwei Äpfel geschenkt, sie hat es gut gemeint und er war ihr sehr dankbar, nur Essen könnte er sie nicht, ihm fehlen seine oberen Zähne, von den Drogen und den Nachwirkungen. Wir sagten Ihm, dass er darauf stolz sein könne, darauf, dass er es geschafft habe davon loszukommen.

Wir hörten einfach zu und er erzählte, nicht aufdringlich, ganz im Gegenteil, eher schüchtern aber völlig klar und wir hörten zu. Meine Frau legte ihm 2,-€ in die Mütze und ich gab ihm ein paar meiner Zigaretten, denn er sammelte die Stummel von der Straße um ab und zu einen Zug Nikotin zu haben.

Fast beschämt meinte er, dass es so viel wäre, wir beruhigten ihn, wir gaben es gerne. Er dankte uns, aber vor allem für das Zuhören, dafür, dass er einfach mal reden konnte.

Dabei hat er uns doch eine Menge mehr gegeben, denn er hat uns teilhaben lassen an seiner Geschichte, uns gezeigt, wie klein doch unsere Probleme eigentlich sind über die wir uns so täglich aufregen und uns tagelang damit beschäftigen.

Die Diakonie hat zur Zeit eine Plakatkampagne mit dem Titel: „unerhört diese Obdachlosen“ und dieser Spruch trifft den Nagel auf den Kopf. Unerhört diese Obdachlosen, wir verurteilen sie, wir machen uns lustig. Doch wenn man sich mal eine Geschichte anhört, dann merkt man, wie schnell es geht und wie schnell man auch da unten sein kann.

Eine Scheidung, Arbeitslosigkeit, Schulden, etwas unerwartetes wie eine Krankheit. Kein Geld – keine Wohnung, keine Wohnung – kein Job, kein Job – kein Geld…

Ich liege gerade auf meinem bequemen Sofa und schaue ab und an aus dem Fenster, sehr den fast vollen Mond und frage mich, ob er genug zusammenbekommen hat für eine warme Mahlzeit und ob er heute ohne Hunger schlafen kann. Ich wünsche es ihm.

In diesem Sinne bleibt neugierig und hört ab und zu mal zu, damit sie nicht unerhört bleiben, diese Obdachlosen.

Euer Olfork


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